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München: dtv 1998, 217 S.
Den Medeastoff des Euripides hat Christa Wolf eigenwillig und gekonnt
verändert. Medea wird reingewaschen: zuviel will ich nicht verraten.
Nachdem sie von Jason verstoßen wurde, wird sie gar zu einer antiken,
Pestkranke pflegenden Mutter Teresa. Das Verfahren, die Hauptpersonen in
einem inneren Dialog die Handlung erzählen zu lassen, ist keinesfalls
neu, scheint sogar recht modisch zu sein (Margaret Atwood "Alias Grace).
Der psychologische Vorteil dieses Verfahrens wird mit weniger Lebendigkeit
bezahlt. Trotzdem ist "Medea" flott zu lesen. Die Handlung wird zwar nicht
streng chronologisch entwickelt, macht aber auch keine verständnishemmenden
Sprünge. Die Veränderungen benutzt Christa Wolf um zu zeigen, daß
Fremdenfeindlichkeit, mangelnde Zivilcourage und Herabsetzung des Fremden
schon seit der Antike unbewältigte Probleme vieler Kulturen sind. Der
Kampf um die Thronfolge bei den Kolchern, noch ausgeprägter bei den
Korinthern wäre einem Shakespeare-Drama angemessen. Die lesenden
Männern werden bei der Zauberin Kirke, bekannt aus - nein, nicht aus
dem Fernsehen - sondern der Odyssee, aufhorchen. Verwandelt Kirke doch glatt
Männer in Schweine. Womit zumindest bewiesen ist, daß nicht alle
Männer Schweine sind. Wie könnte sonst Kirke ihre Kunst beweisen?
"Medea" von Christa Wolf ist spannend, ideenreich und lesenswert.
Copyright / © Sabine und Oliver Gassner, 1998 --
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