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Meine enge Sicht der Dinge, Part 1

Kolumne aus: Dandelion 5, Winter 1995/96

von Jaromir Konecny

Über: Günther Grass, Marcel Reich-Ranicki, John Irving "Zirkuskind", Biby Wintjes, Jörg Fauser, "Down in Louisiana", die Frankfurter Buchmesse, den Ariel-Verlag, Markus Dosch (Werkkreis Literatur der Arbeitswelt)

Ich gelobe absolute Subjektivität. Sollte diese Rubrik, dieses Chaos meiner eitlen Gedanken, weiterhin im dandelion bestehen, verspreche ich, nie eine objektive Kritik oder Meinung zu äußern. All das Gift, das ich hier versprühen werde, wird das Produkt meiner neidvollen Seele sein. Andererseits werde ich alle, die ich liebe, bis in den Himmel preisen. Auch wenn manch Mißgünstiger meinen sollte, daß die Werke der Gepriesenen nicht mal die Tinte wert sind, mit der ich Woche pro Woche meinen HP-DeskJet-540 füttere. (Verdammt! So ein Drucker kommt teurer durchzufüttern als ein Hund.) Also, Leute, bis Frank Duwald meinem Geschreibe den Garaus macht oder bis ich so berühmt werde, daß ich nur noch im Playboy veröffentliche, werdet ihr wohl oder übel meine Haßtiraden und Lobhudeleien ertragen müssen. Fangen wir bei den ganz großen Dichtern an.

Im trostlosen Gefilde der deutschen Literatur, unter dem anhaltenden Ansturm der schreibenden Angelsachsen weiter ächzend, haben wir in diesem Sommer doch unsere Mordsgaudi gehabt. Unser aller Günter hat sich wieder mal zu Wort gemeldet. Sein dicker Schinken wurde prompt gnadenlos verrissen. Hatte der alte Blechtrommler die Gefahren des Sommerlochs unterschätzt? Den armen Dichter mußte sogar die stellvertretende Präsidentin des deutschen Bundestages, Antje Vollmer, in Schutz nehmen, vor so vielen bösen Wortdreschern. Reich-Ranickis Kolonnen, die Feinde der Zivilisation, seien am Werk, meinte Frau Vollmer, die edle Ritterin. Und gleich zauberte sie auch den rettenden Ratschlag aus ihrem theologischen Köpfchen: Die zügellosen deutschen Kritiker (daß ich nicht lache) sollten bei den Fußball-Fans in die Benimmdichschule gehen. Unerbittlich trieb die grüne Pfarrerin den kritischen Teufel aus. Doch was waren eigentlich die bösen Machwerke, die sie sich so unversöhnlich in der Zeit vornahm? Ein quasi-persönliches Schreiben Reich-Ranickis an den alten Freund Grass im Spiegel, das eher an eine schlechte Psychoanalyse erinnerte als an eine gute Buchkritik, kurz danach ein schon weniger persönlicher, aber um so harmloserer Ein-Weites-Feld-Verriß Reich-Ranickis im Literarischen Quartett und außerdem die ganzen negativen Kritiken seiner angeblichen Fuchsschwänzler. Hätte die entrüstete Frau Vollmer dem Literaturpapst gesagt, daß man Briefe an Freunde per Post schickt und nicht per Spiegel, statt ihn wüst zu beschimpfen, wäre alles halb so schlimm gewesen. Aber nichts zu machen. Wenn sich ausnahmsweise sogar die FAZ- und die Zeit-Kritiker (und /innen - war doch Frau Radisch auch dabei) einig sind, dann muß es eine Verschwörung geben. Oder ist das Buch am Ende doch nur schlecht? Ich schlage vor, jede zukünftige Buchrezension im Bundestag zu überprüfen: Ob sie halt nett ist. Auf jeden Fall schicke ich Pluspunkte nach Bonn: Das war komisch, Antje!

Doch Grass hat noch literarisch mächtigere Freunde als eine grüne Politikerin. John Irving persönlich hat sich in einem Prinz-Interview für den Verfemten in die Bresche geworfen und all den bösen Kritikern ihre Schranken gewiesen. Eine Kostprobe:


    Prinz: Wie ist Ihr Verhältnis zu Kritikern?

    Irving: Was ist los mit der literarischen Kultur in Deutschland? Warum legen die Deutschen so viel Wert auf Kritiker? Besonders auf diesen senilen Tyrannen Reich-Ranicki (erstaunlich die Ähnlichkeit des Vokabulars bei Antje und John... - haben die beiden was zusammen?), der sprichwörtlich einen Roman zerreißt und ganz generell eine solche Führerfigur aus sich macht? Sein Verhalten ist das eines ´Unkritikers´, eines Schwachkopfs, eines ´undeutschen Kleingeist´, eines ´Unkultur-Unmenschen´. (Tja, woran erinnern mich nur diese ganzen hübschen Titeln?) Sie haben gefragt, ob ich Ein weites Feld gelesen habe; Nein, aber ich werde es lesen. Was mich erschüttert, ist, daß bereits so viele Leute über Grass' neues Buch geschrieben haben, offenbar ohne es vorher zu lesen...

Aber in Irvings Interview geht es sogarnoch toller zu: "Es ist undenkbar, daß ein Kritiker in den Vereinigeten Staaten eine TV-Show bekommt. Für mich ist es ein Zeichen von Kulturverfall, wenn soviel auf das Geschwätz eines phrasendreschenden Kritikers gegeben wird!" Hat Irving nicht recht, Freunde? Warum paßt ihr Deutschen euer Fernsehen nicht dem amerikanischen an? Dann könntet ihr endlich eine Kulturnation werden. Und ich mit euch! Da Das Literarische Quartett aber die einzige Sendung in der Glotze ist, die ich mir ansehe, muß ich doch jetzt Farbe bekennen: Sollte jemand im ZDF die Reich-Ranicki-Show durch Schreinemakers-Live ersetzen, verspreche ich, keine Fernsehgebühren mehr zu zahlen. Doch zurück zu Irving. Das unerbittliche Schicksal hat uns wieder mal einen Streich gespielt: Kurz nach Grass schenkte uns (den deutschen Lesern) auch Irving ein dickes Buch, Zirkuskind. 970 Seiten von Diogenes. Und das obwohl man schon einen halben Wald hatte roden müssen, um für Irvings vorletztes Werk, Owen Meany, Papier zu beschaffen. Bin mittlerweile auf der Seite 300 von Zirkuskind angelangt. Sollte ich mich durch den Rest doch durchkämpfen, schwöre ich hier heilig, mich gleich danach mit dem Schinken von Grass zu geiseln - für meinen Blödsinn sozusagen. Ich bin halt Masochist. Meine sadistische Neigung könnte ich dann allerdings auch befriedigen, indem ich über die beiden Wälzer eine fette Rezension schreibe. Mit der werde ich euch im nächsten dandelion wahnsinnig machen. Keine Angst, Freunde, wahrscheinlich schaffe ich das Zirkuskind sowieso nicht zu Ende... Was ist nur mit Irving los? Sein neuer Roman ächzt unter einer knochenharten Epik. Die Sätze lieblos hingeklatscht, das alles furchtbar bieder. Vielleicht denkt Irving, er sei jetzt so berühmt, daß er keinen Rotstift mehr braucht. Jeder einmal hingekotzte Satz ist für ihn eine Ikone. Der Roman strotzt vor Wiederholungen. Als Beispiel ein paar Sätze aus einem Absatz: Farrokh und Julia waren sich einig, daß sie erst nach dem Tod des alten Dienerehepaars (die Wohnung) verkaufen würden. Denn wo sonst hätte das alte Ehepaar wohnen sollen, wenn sie jetzt verkauft worden wäre? ... Als ihn (Farrokh) kanadische Kollegen einmal damit gehänselt hatten, daß er so konservativ sei (sich in Bombay eine Wohnung zu halten), hatte Julia gemeint: "Farrokh ist nicht konservativ, sondern ausgesprochen extravagant. Er hält sich eine Wohnung in Bombay, nur damit die alten Diener seiner Eltern einen Platz zum Wohnen haben!" Da kommen mir gleich die Tränen. Ob Irving noch irgendwann so gute Sachen schreiben wird, wie zum Beispiel Die wilde Geschichte vom Wassertrinker oder Garp bezweifle ich stark. Er findet sowieso, daß seine jüngsten Bücher die besseren seien. Was für ein gottverdammt guter Schriftsteller könnte er doch sein, wenn er seine epische Geilheit etwas zügeln würde und vor allem seinen Hang zu Redundanz. Warum ist er eigentlich so verdammt bieder geworden? So bieder, daß ich auch mein Versprechen brechen mußte, hier nur voreingenommen zu sein: Ich hatte Irving gemocht, und ich hege große Sympathien für Irvings deutschsprachigen Verlag, Diogenes. Beschenkt uns doch Diogenes mit einem Verlagsprogramm, das im deutschen Sprachraum einzigartig ist: Moderne Literatur, die sich auf das akademische Gewäsch vieler deutscher Litarturkritiker über E und U nicht einläßt. Ja, hier, zwischen die kritischen Zeilen über Irving kann ich wieder Mal mein eigenes Bekenntnis einstreuen: Mich können alle Schubladentheoretiker... na, ja, ihr wißt schon, was ich meine. Da ich viel im Leben gelernt habe, probiere ich es lieber anständig: Es gibt es keine Ernste Literatur oder Unterhaltungsliteratur, keine angolanische oder deutsche Literatur, es gibt nur schlechte oder gute Literatur. Und basta!
Ich bin ein wahrer Christ: Wenn man mich ohrfeigt, halte ich gleich die andere Backe hin. So stehe ich trotz Zirkuskind weiter hinter Diogenes, und was Irving angeht... Tja, bis ich die restlichen zwei Drittel des Buches erforscht habe, kann ich Irvings Indien-Epos nur den Leuten empfehlen, die durch Dan Simmons' Todesgöttin zu Indien-Hassern geworden sind. Als sentimentaler Botschafter des politisch Korrekten ist Irving nicht zu schlagen. Und sollte mich auch der Rest von Irvings Buch enttäuschen, bleibt immer noch die Hoffnung auf seinen nächsten Roman. Die Punkte für ein paar Lacher bekommt Irving sowieso: Dafür reichte schon sein Prinz-Interview aus.

Dann starb Biby Wintjes, und es war vorbei mit dem Lachen. Ich kann's immer noch nicht fassen: Ein lieber Mensch, mit dem ich ein paar Tage zuvor noch telefoniert habe, ist nicht mehr da. Werden sich jetzt die Kerle in den Feuilletons der großen Zeitungen auch für Biby etwas Zeit nehmen? Werden sie uns alle noch mal erinnern, daß ein Mann gestorben ist, ohne den es in Deutschland eine alternative Literaturszene gar nicht geben würde, so wie sie heute ist. Wer wird sich um diese wunderbare Literaturlandschaft weiter kümmern? Wer wird für uns das Impressum machen? Wer wird mir neue Literaturzeitschriften schicken und die ganzen Infolisten mit Adressen und Hinweisen? Biby gehörte für mich zu den letzten Verfechtern der 68er Utopie, er war für mich einer der letzten wirklichen Idealisten. Zum erstenmal hatte ich über Biby im genialen Rohstoff des Jörg Fauser gelesen: Ein Typ, der aus Bottrop heraus die deutsche Literaturszene organisierte. Leider ist Fausers Kultbuch über Drogen und das Schreiben als Überlebenskampf (In diesem Sommer waren Drogen billiger als Bücher, es sei denn man schrieb sie selbst.) irgendwo in meinem Bücherhaufen verschollen gegangen. Ich kann das verflucht Buch nicht finden, um euch Fausers Sätze über Biby wiederzugeben. Nur ein paar Notizen auf meinen Merkzetteln bezeugen noch, daß ich Rohstoff gelesen und daß Fauser das Gros der wilden 68er schon damals richtig eingeschätzt hatte, von dem sich er und Biby Wintjes so wunderbar unterschieden: Ich las natürlich auch ihre Briefe und hatte meinen Todfeind längst ausgemacht, einer dieser Milchbubies, nahm ich an, die Ede und ich in Istanbul ausgenommen hatten, diese Love&Peace-Früchtchen mit ihren Schlafsäcken, ihren Gitarren, ihrem dummen Gefasel von Woodstock, Togetherness, Karma. Ich habe diesen Typen nie über den Weg getraut. Sie waren nur hinter billigen Ficks her, besonders die, die es ständig mit dem Bewußtsein .Om. hatten. Mit Vaterns Schecks durch die "Dritte Welt", finanziert von Karies, Standard Oil und der Rüstungsindustrie, und dann aber die Askese gepredigt, den Soja-Keim, Ying-Yang und die kosmischen Strahlen. Abstauber.
Vielleicht paßt auch Fausers folgender Satz aus Rohstoff zu Biby, um uns zu erinnern, was wir in Biby verloren haben,... vielleicht, weil Biby eben die andere Sorte eines Kulturträgers war als die, die Fauser im Rohstoff verspottet hatte: Ich fand die Frechheit schon fast beeindruckend - direkt aus dem akademischen Elternhaus über das Adorno-Seminar in dieses Kulturbonzen-Büro, ein Gesicht, das nicht eine Spur echter Lebenserfahrung zeigte, der ganze Kerl nicht einen Tag im Leben Hunger geschoben und am schärfsten bedroht von seinem Professor, der nach einem Sit-in vielleicht mal geäußert hatte, lassen Sie doch die Faxen, und dann aber einen Mann abkanzelte, der sein Engagement unter Lebensgefahr bewiesen hatte. Rohstoff, sein wildes Buch, hatte Fauser in den Siebzigern geschrieben. 1993, im Heft 5-6 des Impressum, das von Biby Wintjes hearusgegeben wurde, schrieb Hadayatullah Hübsch über Jörg Fauser: Dann der schicksalhafte 17. Juli 1987. Fauser feiert seinen Geburtstag, aus unerfindlichen Gründen latscht er frühmorgens auf die Autobahn, wird überfahren, stirbt. Die deutsche Literatur ist um eine Hoffnung ärmer. Jetzt sind sie beide tot: Fauser und Wintjes. Mit Fauser verlor die deutsche Literatur eine Hoffnung, mit Wintjes eine Stütze. Was werden wir nur tun?
Wir werden uns weiter mit unserem Haß auf und unserer Liebe für das Geschriebene herumschlagen. Am zwölften Oktober hat mich Peter Bommas zu einer Party in Münchner LOFT eingeladen. Peter, der Herausgeber der Literaturzeitschrift Trash und Verleger aus Augsburg, hat im LOFT mit ein paar Freunden Down in Louisiana vorgestellt, ein Musik-, Reise- und Lesebuch: Die weiße Cajun-, die schwarze Zydeco-Musik. Tradition, Pop, 90er Renaissance. Menschen, Geschichte, Küche, Rassismus. Tourismus, Indianer, Voodoo. Les Blank, Walter Hill, John Woo und ein Anhang für Reisende und Nichtreisende. Die Autoren: Christoph Wagner, Thomas Palzer, Thomas Meinecke, Jonathan Fischer, Thomas Gaschler, Stephan Meier, Christine Lembert, Franz Dobler (Mitherausgeber) und Peter Bommas. Mit Down in Louisiana will Peter Bommas an den Erfolg des Trash 9, eines Amerika-Spezials anknüpfen. Ich gebe zu, vor diesem Abend keine Ahnung von Cajun- und Zydeco-Musik gehabt zu haben, aber die aufgelegten Platten haben meine körpereigenen Opiate in Wallung gebracht. Wahre Glücksgefühle erlebte ich dort. Die Filmvorführungen über die Cajun-Kultur steigerten noch meinen Appetit, und als Peter mit Freunden ein paar Kostproben aus dem Buch vorlas, wollte ich meine Sachen packen und nach Louisiana fliegen. Verantwortlich wie ich bin, habe ich mir aber stattdessen bei den Jungs eine CD gekauft: Young Zydeco Desperados. Fantastisch: Endlich wieder mal Musik, zu der du hüpfen kannst, um die Seele zu erfreuen und nicht, um sich wie ein Roboter zu fühlen. Down in Louisiana habe ich auch schon zum großen Teil gelesen. Wer sich mehr über die Cajun-Kultur informieren möchte, dem kann ich das Buch mit Nachdruck empfehlen - etwas Vergleichbares ist in Deutschland bis jetzt nicht erschienen.
In der Frühe ging es dann mit dem literarischen Herbst erst richtig los. Um halb sieben holte ich mit dem Auto einen guten Freund ab, Klaus Pemsel, den Übersetzer des komplexen, modernen Gral-Epos Glastonbury Romance von John Cowper Powys. Das Buch hat mir Klaus gleich in die Hand gedrückt, bevor wir Richtung Norden losrauschten: 1229 wunderschön von Hanser verpackte Seiten. Ich habe das Buch ehrfürchtig auf den Hintersitz gelegt (du läufst mir nicht mehr weg) - und ab nach Frankfurt. Die Buchmesse zog mich an wie ein schwarzes Loch einen Klumpen Materie, der ich bin. Manchmal hatte der alte Opel bis hundertachtzig Sachen auf dem Tacho. Als ich meine Straßensünden später meinem Freund Kai beichtete, sagte er mir, ich sei eine Umweltsau.
Es ist schon stressig, nach Norden zu fahren. Zum Beispiel muß man sich das "Grüß Gott" abschminken, und in der Kneipe darf man nicht nach Weißwürsten fragen. Aber was tut man nicht alles für die Literatur. Wir versuchten, uns mit dem Auto ins Messegelände einzuschmuggeln, hinter den fetten Mercedes her. Nach ein paar zunehmend unfreundlicheren Fragen kreischte der Wärter seinem Kollegen zu, "das sind nur normale Messebesucher", und dann verscheuchten sie uns in einer arg militärischen Art.
Kein Problem! Klaus riecht einen Parkplatz wie ein Windhund den Fuchs, und auch Frankfurt widerstand nicht seinen Sinnen. Schlupf! Dann waren wir endlich im Messegebäude. Ach du meine Güte. Obwohl ich an eine Menge Bücher gewöhnt bin - lebe ich doch hier in meiner Wohnung -, hat mich die ungeheuere Dimension des Gedruckten dort schockiert. Leute! Ob ihr es glaubt oder nicht, ich hab vor den ganzen Büchern einen Riesenschiß gekriegt. Und noch schlimmer: Den ganzen Tag in Frankfurt, unter diesen aberwitzigen Bücherstapeln, habe ich kein einziges Buch in die Hand genommen. Hab mit Leuten gequatscht, Kaffee gesoffen wie ein Koffeinjunkie, mir Schmalzbrote um die Wette in die Kehle geschoben, die tollen Verlagsweiber beglotzt, aber kein winzigkleines Büchlein in die Hand genommen.
Vormittags habe ich Klaus seinen blonden Lektorinnen überlassen und suchte gleich nach dem Stand vom Ariel-Verlag, um Oliver Bopp, den Verleger und Cocksucker-Herausgeber, endlich persönlich kennenzulernen. (Gottseidank haben wir in Bayern auch schon Telefon, trotzdem fühle ich mich manchmal etwas abseits von dem ganzen Rummel.) Oliver und Isabel Rox, beide sympathisch und jung (im Vergleich zu mir), saßen an ihrem Stand. Oliver trank Kaffee (hohoho!). Um die beiden herum die ganzen Werke des literarischen Undergrounds (Social-Beat), die der Ariel-Verlag in einer relativ kurzen Zeit herausgebracht hat: Adelmann, Bopp, Flenter, Malorny, Proske, Richter, Todisco und die Krimianthologie Die sehr verschiedenen Fälle des Privatdetektives Rick Xaver Morton (nach einer Figur von Hardy Krüger; Isabel-Rox-Verlag). Außerdem erblickte ich dort zwei weitere Anthologien aus dem Isabel-Rox-Verlag, der mit dem Ariel-Verlag fusioniert hatte: Das Kultwerk des literarischen Undergrounds Downtown Deutschland und die Nachfolgeanthologie Asphalt Beat. Ich hatte zwar schon vor dreizehn Jahren meine Underground-Phase verabschiedet, gleichzeitig mit dem Abschied von der sozialistischen Tschechoslowakei (ich möchte euch jetzt allen gehören, liebe Freunde). Trotzdem hege ich weiter Sympathien für die Jungs und Mädels, die hier in Deutschland die Fahne des subversiven Textes weiter schwenken, die vom Rande des Literaturbetriebs gegen die Betonmauer der Großkultur anrennen. Da pocht noch die Seele. So wie sie früher pochte, bei Henry Miller, John Fante, Charles Bukowski oder Jörg Fauser. Wie überall in der Szene gibt es auch bei den Autoren des Social-Beat Gutes und Schlechtes, Originelles und Nachgeahmtes oder Banales. Aber obwohl nur wenige der Social-Beat-Dichter so gut wie Bukowski schreiben, sind mir lebende Banalitäten viel lieber als tote Sprechblasen, die man hier in Deutschland allzuoft liest. Alle, die also erfahren möchten, wie es in Deutschland auf der Straße zugeht und nicht in der Bibliothek von Botho Strauß, sollten bei Oliver Bopp Bücher bestellen. Genauso zu empfehlen ist seine Underground-Zeitschrift Cocksucker, die dreimal im Jahr erscheint. Auch meine eigenen wilden Geschichten finden sich manchmal darin. (Aufpassen! Eigenwerbung.)

Selbstverständlich traf ich auf der Messe meinen lieben Freund Frank Duwald, der im Leben wahrscheinlich noch mehr Bücher gelesen hat als ich und... das macht mich furchtbar neidisch. Zusammen mit ihm und Klaus Pemsel führte ich ernsthafte literarische Diskussionen bei Schmalzbrot und Kaffee. Hin und wieder lästerte ich über die hübschen Lektorinnen um uns herum und stieß Drohungen aus, was ich hier nächstes Jahr alles anstellen werde, wenn ich endlich so berühmt bin wie Umberto Eco. Ich hoffe, daß sich meine Freunde für mich nicht geschämt haben - vor allem als eine Frau, die zuerst eine gelangweilte Miene zur Schau stellte, unseren Tisch fluchtartig und kichernd verließ. Um drei Uhr interviewte Frank mit seinem Freund Christoph vom Eichborn-Verlag Jonathan Carrol, und ich flitzte von Verlagsstand zu Verlagsstand und trieb mit meinem Outsider-Wissen die pressebeauftragten Mädels zum Wahnsinn. Und manchmal hatte ich wirklich das Gefühl, daß ich über die Verlagsprogramme mehr weiß als die zuständigen Personen. Was die Prominenten anging, verfolgte mich auf der Messe eine verdammte Pechsträhne. Mindestens einmal! wünschte ich mir, die hübsche Iris Radisch von der Zeit zu erblicken, stattdessen lief ich dem häßlichen Hellmuth Karasek vom Spiegel in die Arme. Ihr kannt euch sicher meine Enttäuschung vorstellen. (Entschuldigung, lieber Herr Karasek, ich hoffe, Sie verstehen, daß ich auf diesen Kalauer nicht verzichten konnte.) Noch ein paar Kaffeerunden mit Frank, und dann war's vorbei. Diese Hunde sperren all die hübschen Bücher für die Nacht ab. Ich stöberte mit Klaus die Frankfurter Innenstadt durch, nach Abendüberraschungen. Nachdem wir Am Eckstein ein paar Blicke mit den wunderschönen Frankfurterinnen ausgetauscht hatten, (Joschka Fischer ist nicht erschienen) fuhren wir zurück nach München - halb elf abends. So satt waren wir von den ganzen Büchern, daß wir uns unterwegs nichtliterarischen Themen widmeten. Rein zufällig kam die Sprache auf Sex, und die vier Stunden Fahrt vergingen mir fast so schnell wie eine reale Nummer. Dann war ich endlich daheim, bei meiner geliebten Frau und stellte fest... na, ihr wißt schon: Überall gut, zu Hause am besten. Zwei Tage dauerte es, bis ich die letzten Reste meiner Koffein-Exzesse loswurde, aber am Montag ging ich wieder in alter Frische in die Arbeit. Übrigens trinke ich seit der Messe nur Caro-Landkaffee.

Zum Schluß meiner literarischen Retrospektive möchte ich euch einen fantastischen Menschen vorstellen, einen, dem ich etwas mehr Aufmerksamkeit wünschen würde. Markus Dosch ist für mich einer der großen alten Kämpfer. Mit seinen 61 ist er immer noch auf Achse, um irgendeine literarische Veranstaltung auf die Beine zu stellen. Seit Jahren führt er die Münchner Gruppe des Werkkreises Literatur der Arbeitswelt, unermüdlich wirft er sich in die Bresche für eine linke engagierte Literatur. Obwohl ich selbst nicht unbedingt zu einem Freund der unbeholfenen Sätze gehöre, die allzu oft aus dieser Ecke kommen und mich auch die Verbissenheit und Fanatismus manches Weltretters abstößt, muß ich trotzdem meine Sympathien bekunden für die sozial engagierten Schreiber. Nur schreiben müßten die lernen! Verdammtnochmal! Aber das hat mein Freund Markus Dosch sicher: Seine Geschichten sind frei von der Agitprop und der primitiven Art des sozialistischen Realismus, vom Gejammer über die böse Welt. Ja er schreibt eine hochengagierte Literatur aber... menschlich und mit einem Sinn für Proportion. Markus hat manch eine wunderbare Kurzgeschichte geschrieben. Unlängst, bei der Vorstellung der Anthologie Das purpurne Kaleidoskop habe ich zum zweiten Mal seine Story Rechtsaußen gehört, und die unermeßliche Traurigkeit der Geschichte wirkt bei mir noch immer nach. Im Rechtsaußen beschreibt Markus den Abend eines altgewordenen Fußballspielers, eines Rechtsaußen, der in der Kneipe seine Stamperl kippt und dort von seinen ehemaligen Mitspielern entdeckt wird. Da Markus in dieser Story meisterlich auf jede Plakativität und Symbolik verzichtet hatte (ähnlich mancher Bukowskis Meistererzählung), wirkte die klare Geschichte auf mein Gemüt wie ein Hammerschlag, als ich sie zum erstenmal hörte. So möchte ich auch meine eigenen Geschichten schreiben: Sie durch ihre Aussage und gleichzeitig durch ihre Ästhetik wirken lassen. Ja, ein guter Erzähler muß uns mit seinem Plot tief traurig machen oder maßlos glücklich, aber parallel dazu muß er uns Freude über die Form seines Werks schenken. Sollte doch Literatur vor allem die Zerrissenheit unseres eigenen Lebens widerspiegeln.
Leider hat Markus bis jetzt außer Beiträgen in Anthologien und Literaturzeitschriften nur einen schmalen Erzählband herausgebracht: Zwischen Magie und Wirklichkeit. Es ist schon länger her, als ich das Büchlein gelesen habe, aber ich erinnere mich immer noch sehr gut an manche hübsche Story dort. Mein Favorit im Bändchen war eindeutig Steig nicht rückwärts aus dem Bus, eine Geschichte über eine Zufallsbegegnung, die formal wie eine Schleife in die Vergangenheit verläuft. Selbsverständlich geht es in der Geschichte vor allem um Sex (mein Lieblingsthema). Markus Doschs hat schon viel gesehen und erlebt in seinem Leben, aber gottseidank findet er es immer noch nicht als pubertär (wie die Prüdisten unsere Schreibe bezeichnen), solche Sätze zu schreiben:
"...Ich kann es noch nicht glauben, zwick mich in die Wange, damit ich es glauben kann. Daß du es bist - und daß ich es bin ... oh ... oh!"
Sie lachte wieder leise auf und flüsterte ganz nah bei ihm:
"Ich beiß' dich in den Schwanz, dann glaubst du's wirklich, daß das hier kein Traum ist ... hihihi ... hihihi ..."
Das wär's, Freunde. Ein gutes Schlußwort. Ich beende also diese Seiten mit dem Schwanz und somit mit einer Anspielung darauf, was wir alle sind: Menschen!


Bestelladressen:

- Zwischen Magie und Wirklichkeit,
bei Markus Dosch, Heßstraße 130, 80 797 München
- Bücher des literarischen Undergrounds und die Zeitschrift Cocksucker,
bei Ariel-Verlag, Krummacherstr. 4, 45219 Essen
- Down in Louisiana,
bei bommas Verlag, Kapuzinergasse 10, 86 150 Augsburg

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