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Meine enge Sicht der Dinge, Part 2
Kolumne aus: Dandelion 6, Sommer 1996
von Jaromir Konecny
Über: literarische Anarchisten, Botho
Strauß (& Sir Popper und Prof. Scopenhauer), Michael
Krüger, Maxim Biller, Lydia
Mischkulnig, Literaturzeitschriften
Ja, und das ist auch schon alles, was ich sagen wollte, und da man
einen Anfall des Hasses schlecht mit einem pathetischen Kampfaufruf beenden
kann, erkläre ich ganz profan: Dann leckt mich doch eben alle am Arsch,
Ihr Jungkollegen. Führt eure unbedeutenden, ästhetisierenden,
ereignislosen Biedermeierexistenzen ruhig so weiter. Ich mache die Sache
gegen die alten Idioten notfalls allein.
Maxim Biller, Die Tempojahre
Ich wohne in der Villa Borghese. Hier ist nirgendwo eine Spur von
Schmutz; kein Stuhl, der nicht an seinem Platz steht. Wir sind hier ganz
allein und wie Tote.
Henry Miller, Wendekreis des Krebses
Während ich hier am Rechner sitze, lasse ich mich
durch eine voll aufgedrehte Osborne-CD inspirieren. Ozzy jammert gerade
I am so tired..., und ich fühle mich genauso wie der alte Rocker.
Wieder mal leide ich am Zustand der deutschen Literatur. Und das, obwohl
viele kluge Leute hierzulande sagen, der deutschen Literatur gehe es wunderbar.
Warum bekomme ich aber in den Buchhandlungen nur angelsächsische Schriftsteller
vorgesetzt, wenn ich's mir abends gemütlich machen will? Wenn ich
mir ein Buch kaufen will, wo außer dem Autor auch andere Menschen
vorkommen?
Zwischen 1990 und 1995 wurden etwa 10000 belletristische
Titel aus den USA ins Deutsche übersetzt, aber nur gut 100 deutsche
Titel fanden amerikanische Verleger (Klaus Modick in SZ am Wochende,
11./12. Mai 1996.) Warum? Man kann doch nicht ständig unsere Misere
in die Ignoranz der Amerikaner ummünzen: "Sie schreiben dem Leser
nach dem Mund! Keine Tiefe! Reines Amüsament! Pfui doch!.." Ja,
sagt mal ehrlich, Leute. Geht es in der hiesigen Literaturlandschaft nicht
verrückter zu als in einem Irrenhaus? Dort DÜRFEN sich die Patienten
amüsieren. Das finde ich eigentlich ganz normal. Ihr nicht?
Und wo tummelt sich hier, verdammt noch mal, der Literat-Provokateur,
das subversive Element, der literarische Anarchist? Wo bleiben die
Leute, die für etwas Gaudi in dieser humorlosen Öde sorgen würden?
Die mit ihrer Schreibe unsere "schwermütigen" Phrasendrescher
in ihre Tiefsinnhöhlen zurücktreiben würden - mit einer
Schreibe, die im Sinne Schopenhauers klar ist: "Man brauche gewöhnliche
Worte und sage ungewöhnliche Dinge." Wo ist unser Henry Miller,
Louis Ferdinand Céline, Jack Kerouac, John Fante, Charles Bukowski,
Martin Amis, Harlan Ellison, Iain Banks, Philippe Djian?.. Im deutschsprachigen
Raum provoziert ein Autor die Akademiker höchstens damit, daß
er weltentrückter ist als sie selber: "Ich bin ein Bewohner des
Elfenbeinturms." Na von mir aus. Im reifen Mannesalter verklärt
dann derselbe Autor romantisch das serbische Dorf. Sicher, eine Provokation!
Sind wir doch alle irgendwie für die armen Bosnier... Aber wenn die
Sehnsucht nach dem Ursprünglichen wallt, da lache ich nicht, da ärgere
ich mich nur.
Ja, ja, ich weiß, es gab mal Thomas Bernhard mit seinem Holzfällen
und Jörg Fauser mit seinem Rohstoff, und früher mal hatte
es sogar Tucholski und Döblin gegeben und vorher sogar Nietzsche mit
seinem toten Gott. Das gebe ich zu, doch sie sind schon alle tot, nicht
nur Gott. Die etablierte deutschsprachige Literatur scheint mir jetzt eine
müde Karre zu sein - ein Gespann ohne Hunde, die gegen den Wind heulen
würden. Und wenn sie doch heulen, langweilen sie mich noch mehr, als
wenn sie still halten. In dieser Literaturlandschaft ist kein Platz für
Abenteuer, kein Platz für Humor, kein Platz für Lust...
"Hm, hm...", widerspricht der Streithansel in mir, der Aufrührer,
der sich ständig gegen das liebe "Ich" auflehnt: "Botho
Strauß hat sich doch in seinem Anschwellenden Bocksgesang
(Der Spiegel, 6/1993) in der Rolle eines "Außenseiter-Heros"
verstanden... Ist Strauß nicht der Literat-Provokateur, den du suchst?"
Ach, je, da trinken wir wieder diese saure Milch... Aber warum nicht?
Ich muß jetzt doch nicht den ideologischen Jurassic Park im
Hirn von Strauß entdecken, seine Verlorene Welt, das haben
andere getan - zur Genüge... Die deutschen Intellektuellen haben schon
so hart auf Botho eingedroschen, daß unlängst sogar die linksliberale
Libération untersuchen mußte, ob es in Deutschland
Platz gebe für ein Denken außerhalb der Normen (Libération,
Winter 95/96, Die Affäre Botho Strauß.) In
der Illustration zu diesem Artikel hackt der Bundesadler mit spitzem Schnabel
auf einen Menschen ein, der knöcheltief in seinem Blut steht. Botho
Strauß als Opfer "der" Deutschen? (RuW in der Süddeutschen
Zeitung, Frühjahr 1996).
Meiner Meinung nach muß ein Literat-Provokateur vor allem schreiben
können. Sehen wir uns also an, wie einer der bekanntesten deutschen
Schriftsteller schreibt. Und Bothos Anschwellender Bocksgesang liefert
uns Stoff genug für sprachliches Vergnügen.
Zuerst ein kleines Zitat aus dem Strauß-Artikel, nur daß
klar wird, welche Farbe der Hase trägt:
"Die Hypokrisie der öffentlichen Moral, die jederzeit tolerierte
(wo nicht betrieb): die Verhöhnung des Eros (ahaa! - Jaromir),
die Verhöhnung des Soldaten (tja, bald nicht mehr, bald nicht mehr...
- Jaromir), die Verhöhnung von Kirche (uff, uff, die leidet
unter uns Spottern schon seit zweitausend Jahren - Jaromir), Tradition
(meint er jetzt das Ledehoserl? - Jaromir) und Autorität (ja,
diese Verhöhnung ist in Deutschland die gefährlichste - Jaromir),
sie darf sich nicht wundern (na, ja, wie kann sich Hypokrisie oder Verhöhnung
überhaupt wundern? - Jaromir), wenn ihre Worte in der Not kein
Gewicht mehr haben."
Vergessen wir jetzt gleich diesen Schmarrn aus vergangenen Jahrhunderten,
und gehen wir zur Sprache über. Was sagt ihr zu dem folgenden Satz
von Strauß?
"Intellektuelle sind freundlich zum Fremden, nicht um des Fremden
willen, sondern weil sie grimmig sind gegen das unsere und alles begrüßen,
was es zerstört - wo solche Gemütsverkehrung ruchbar wird, und
in Latenz geschieht es vielorts, scheint sie geradezu bereit und begierig,
einzurasten mit einer rechten Perversion, der brutalen Affirmation."
So weit Strauß. Nehmen wir den Satz mit Hilfe des Duden
unter unser logische Lupe. Beginnen wir mit der Gemütsverkehrung:
"Das Gemüt" ist die Gesamtheit der seelischen und geistigen
Kräfte eines Menschen. Also nichts Negatives und nichts Positives.
Was heißt aber "Gemütsverkehrung"? Wenn diese bösen
Intellektuellen schon so ein Gemüt haben, warum dann noch Verkehrung?
Oder haben sie früher ein anderes Gemüt gehabt? Aber anscheinend
waren sie immer schon so "grimmig gegen das unsere", wie man
in dem Artikel von Strauß erfahren kann. Oder versteht Strauß
unter "Gemütsverkehrung" am Ende die Verkehrung des rechtsschaffenen
Gemüts oder sogar die Gemütsregung?
"Ruchbar werden" heißt bekannt werden (in die Öffentlickeit
drängen), und "die Latenz" ist nach dem Duden (bildungssprachlich):
Das Vorhandensein einer Sache, die (noch) nicht in Erscheinung getreten
ist. Also drängt (frei nach Botho) etwas in die Öffentlichkeit,
das gleichzeitig (noch) nicht in Erscheinung tritt. Da kommt meine Logik
nicht mehr mit. Wie kann sie auch? Der Satz ist einfach Blödsinn
und ein Anzeichen dafür, wie hoch der IQ bei Leuten ist, die auf uns
mit ihrem Bildungshammer einschlagen.
Aber analysieren wir doch noch weiter diese Satzhülse. "Die
Affirmation" heißt Bejahung. Was wollte Strauß also sagen?
Ich vermute: "Intellektuelle sind freundlich zum Fremden, nicht um
des Fremden willen, sondern weil sie grimmig sind gegen das unsere und
alles begrüßen, was es zerstört - (und der Rest ist
meine Auslegung - Jaromir): diese Intellektuellen sagen zu allem
Fremden brutal Ja." Na, ja, mehr konnnte ich aus dem Bla-Bla nicht
zusammenkochen. Auch mit etwas Zugabe nicht. Ihr seht selbst: Auch wenn
der Wortkünstler Botho Strauß den Satzteil nach dem Gedankenstrich
richtig hingekriegt hätte, wäre er eine banale Widerholung der
ersten Satzhälfte. Ruhig hätte er sich also diesen Schwulst
sparen können.
Botho Strauß wettert weiter gegen das Fernsehen, vor allem gegen
die Talkshows (da hatte es noch nicht Phettbergs nette Leit Show gegeben
- Jaromir): "Man wird sich daran erinnern, daß in verschwätzten
Zeiten, in Zeiten der sprachlichen Machtlosigkeit, die Sprache neuer Schutzzonen
bedarf." Und Straußsche Schutzonen für die Sprache sind
anscheinend folgende Bildungsbürgerbomben, die er gegen unsere armen
Gehirnzellen schmettert: "Au fond, Hypokrisie, profane Eschatologie,
brutale Affirmation, Latenz, protopolitische Initiation, seismische Vorzeichen,
Antizipationen, die parricide-antiparricide Aufwallung, Dezennien, Progenitur,
anarchofidel, tremendum, sakral, Amplifikatoren, Akzeleratoren, Präzipitatoren,
Hegemonie, Externum, inkorporiert, Resurrektion, Infotainment, appelativ,
Sezession, Indifferenz" und so weiter. Hat der Kerl nicht Deutsch
gelernt? So was leistet sich also auf ein paar Zeitschriftenseiten
ein deutscher Schriftsteller, dessen "Theaterstücke zum Erfolgreichsten
gehören, was die Gegenwartsdramatik zu bieten hat" (so Der
Spiegel). Na, gottseidank gehe ich nicht ins Theater. Nicht mal ich
könnte einen deutschen Text so verhunzen wie einer der bekanntesten
deutschen Schriftsteller. Dabei habe ich noch vor vierzehn Jahren nur drei
deutsche Wörter gekannt: "Bitte, ein Bier." So einen Aufsatz
hätte mir schon mein Tschechischlehrer in der Grundschule mit der
Anmerkung zurückgegeben: "Neu schreiben und noch mal vorlegen!"
Andererseits ist Der Spiegel nicht mein alter Klassenlehrer.
Karl Popper schrieb einmal: "Wer's nicht einfach und klar sagen
kann, der soll schweigen und weiterarbeiten, bis er's klar sagen kann."
Und der war kein blöder Kerl, der Popper. Oder spielt Strauß
mit uns seine Spielchen? Will er uns mit seinen Satzballons zwingen, daß
wir in sie einsteigen, daß wir uns durch Bothos intellektuelle Winde
wegtragen lassen, bis in die blauen Höhen, daß wir jeden seiner
Sätze so oft lesen, bis uns das Hirn zu pulsen und zucken anfängt
wie Froschschenkel unter Elektroschocks?Aber genug davon!
Ich beende die Zerlegung des Bocksgesangs mit dem Wort des guten
alten Schopenhauer: "Da schmieren sie, wie bezahlte Lohnlakeien,
hastig hin, was sie zu sagen haben, in den Ausdrücken, die ihnen eben
ins ungewaschene Maul kommen, ohne Stil, ja ohne Grammatik und Logik."
- Ja, das nenne ich "kräftige Sprache"! Dieser deutsche
Schriftsteller konnte schreiben.
Nicht nur Botho Strauß wunderte sich
über die wilde Reaktion auf seinen Anschwellenden Bocksgesang.
("Es ist so gut wie unmöglich, Anmerkungen zur Psychopathologie
deutscher politischer Befangenheit zu machen, ohne selbst in sie verstrickt
zu werden. ... Hier gibt es keine freie Rede und Gegenrede, sondern
in erster Linie Probleme krankhafter Reizbarkeit", antwortete Botho
Strauß seinen Kritikern im Spiegel,16/1994.) Auch der Geschäftsführer
des Hanser-Verlags und Herausgeber der Literaturzeitschrift Akzente
Michael Krüger litt darunter, daß die 68er-Akademiker
Ikonen Strauß & Co. nicht mehr Ehrfurcht auslösen: "Offenbar
hat jeder dieser Autoren (Enzensberger, Walser, Strauß, Sloterdijk)
auf seinem Gebiet voll ins Schwarze getroffen und einen Reiz ausgelöst,
der von allen anderen Medien unberührt geblieben war", schrieb
Krüger in An die Akzente-Leser (Akzente, Februar 1995).
Na, ja, volkstümliche Dummheiten scheut auch der Literaturfreund Krüger
nicht. Wenn jetzt unser bayerischer Ministerpräsident Stoiber sagen
würde, "unsere Moral ist unter aller Sau, ab jetzt müssen
wir alle Lederhosen tragen, sonst geht die Gesellschaft zugrunde",
würde sogar ich aufschreien. Hätte Stoiber deswegen "ins
Schwarze getroffen?" Nur weil ich aufgeschrien habe?
Im nächsten Satz beschwert sich Krüger, daß sich die
Intelligenz gegenüber den Vorschlägen, wie sie die genannten
Autoren gemacht haben, "hysterisch ablehnend verhalte." Ach,
du Schande! Haben Strauß und Krüger tatsächlich eine positive
Reaktion erwartet? Strauß greift in seiner unbeholfenen Art die ganze
deutsche Linke an (in der größten hiesigen Wochenzeitschrift),
zerrt dreihundert Jahre Aufklärung in den Dreck, und die Leute sollen
sich brav auf den Hintern hocken, vor Wonne wimmern wie Masochisten unter
der Knute und rufen: "Zeig uns den Weg, Botho!"
Krüger schreibt weiter: "Es bleibt die Frage, warum gerade
Dichter und Intellektuelle ausgegrenzt und mundtot gemacht werden."
Was ist daran so unverständlich? (Na, ja, unter der Voraussetzung,
daß Strauß ein Dichter und ein Intellektueller ist.) Ein Bauarbeiter
läßt halt keine Essays im Spiegel drucken, in denen er
schwülstig nach Autorität und rechter Ordnung lechzt. Viele Sätze
aus dem Bocksgesang tragen faschistoide Züge. Das ist keine
Beschimpfung, das ist eine Definition. Schauen Sie nur im Duden unter Faschismus
nach, Herr Krüger, wenn Sie mir nicht glauben! Außerdem wurde
der Dichter und Intellektuelle Strauß wieder von Dichtern und Intellekuellen
verrissen. Organisieren also die deutschen Intellektuellen eine antiintellektuelle
Verschwörung?
Übrigens sagt uns in seinem Akzente-Artikel auch Krüger
selbst, wie es mit der deutschen Literatur stehe (obwohl er es positiv
meint, der Gute): "Und was bleibt in Erinnerung, wenn wir uns das
vergangene literarische Jahr vergegenwärtigen? Albrecht Schönen
hat einen wunderbaren Kommentar zu Faust geschrieben. Es gab ein paar
schöne Bücher." Na, wunderbar!
Genausowenig wie Strauß, kann Michael Krüger seine poetische
Seele schlummern lassen: "Man braucht die sogenannten Medienskandale,
um die eigene Sprachlosigkeit aufzuheizen..." Ja, können Sie
mir sagen, lieber Herr Krüger, warum man die eigene Sprachlosigkeit
aufheizen muß?
Matthias Altenburg zog in einem Beitrag zur Diskussion (Spiegel,
letztes Heft 1994, ohne Gewähr) über die wilden 68er Tabubrecher
her, die jetzt in ihren guten Stuben hocken und ultrarechte Tiraden
vor sich geben. Krüger greift weiter Matthias Altenburg: "Matthias
Altenburg macht es sich noch einfacher: er nennt (außer Hegel und
Schlegel) keine Namen, und er ist zu feige, auch nur ein Zitat zu bringen.
Er beläßt es bei der reinen, unverblümten Denunziation."
Nun, Herr Krüger, die anderen Medien (Fernsehen, Zeitungen) immer
anzugreifen, und den eigenen Laden - die deutsche Literatur und ihre Literaten
-, bis in den Himmel zu loben, das ist, Gott weiß, keine Heldentat!
Da wird Ihnen keiner von ihren Verleger- und Schriftstellerfreunden etwas
vorwerfen. Da wird's nur richtig gemütlich werden in dem Literaturmuff.
Das gehörte gesagt, wenn das Wort Feigheit schon so leicht von der
Feder rutscht, dem Herrn Krüger. (Oder ist er auch schon computerisiert
wie wir?) Mut ist, meiner Meinung nach, den eigenen Laden auszumisten,
und sich Freund zu Feind machen. Aber so mutig ist auch Krüger nicht,
er zieht lieber über die RTL-Kultur her, über Schreinemakers
Live und ähnlichen Schmarrn. Glaubt Krüger wirklich, per Akzente
die Schreinemakers Fans zu erreichen? In Akzente, Februar 1996,
lobt er wieder mal die Kollegen deutschsprachige Schriftsteller für
ihr unebirrbares Weiterschaffen, von Grass über Kolleritsch bis
zu Jelinek. Und ich sage Ihnen, Herr Krüger, was ich und Frank
Duwald und viele andere Leser in den lezten zwei Jahren gelesen haben:
Martin Amis, Cormac McCarthy, Iain Banks, Harlan Ellison, Madison Smart
Bell, Alan Isler, Larry Beinhart, Paul Auster, Minette Walters, Gesualdo
Bufalino, Murakami Haruki, Philippe Djian und so weiter.
Wie recht hatte doch Iris Radisch mit ihrem Artikel "Der
Schmuse-Kritiker" (Die Zeit, 9.9.1994):
"Seit dem Ableben der Gruppe 47, so scheint es, ist das öffentliche
Gespräch über Literatur auf den Schoß-Hund gekommen.
Debatten über Texte unterliegen einem unausgesprochenen Reglement:
Sie dürfen weder treffen noch verletzen, sie sollen beschreibend,
einfühlsam, vorsichtig und konstruktiv und in keinem Fall apodiktisch,
kategorisch, vernichtend und grundsätzlich ausfallen. .... Also kritisieren
Dichter Dichter, weil Dichter Dichter einfach am besten verstehen. Da ist
der eine vom anderen 'tief beeindruckt', weil in dessen Versen 'wirklich
der Dichter spricht'. Da kann man 'über Meisterwerke nicht mehr disktutieren',
ist man über einen Text 'einfach glücklich, findet einen anderen
'einfach schön, unprätentiös, sinnlich, ehrlich, berührend.'
Die einen behaupten, Gedichte zu schreiben sei 'eine Art zu atmen, zu gehen,
sich auszusetzen'. Die anderen halten die Verse der Kollegin für 'das
Beste', was sie je gehört hätten. ... So geht das hin. ... Die
neue Soft-Kritik mag manchem das Herz wärmen, den Kopf hat sie verloren.
Vor der produktiven Feindschaft zwischen Autor und Kritiker schützt
man sich nicht durch gefühlige Freundschaft. Vor den Bissen der Kritiker-Hunde
nicht durch das Ziehen der eigenen Zähne."
So weit Iris Radisch, und ich kann nur fragen: Wie sieht es mit einem
Literaturland aus, in dem Kritiker bissiger und BESSER schreiben als seine
Schriftsteller?
So einfach ist es, Freunde: Nicht die armen Schriftseller müssen
geschützt werden, sondern die Leser! Überall wird der Verbraucher
geschützt, warum sollte es in der Literatur anders sein? Ich möchte
doch nicht, daß ich in den Buchhandlungen lauter Schmarrn vorgesetzt
bekomme. Einem guten Roman kann ein Verriß nichts anhaben. Einem
guten Roman ist jede Kritik scheißegal.
Doch jetzt noch kurz zurück zu Krüger. Das Akzente
Heft, Februar 1996, protzt schon auf dem Umschlag mit sechs Fotos von André
Breton, und das Heft enthält sieben Bretons Texte und drei über
ihn. Ajajajaj... Was soll das eigentlich? Wenn ich Breton lesen will, kann
ich mir doch in jeder Buchhandlung seine Bücher kaufen. Was in der
Buchhandlung! In jeder öffentlichen Bücherei findest du seine
Werke. Sollten uns die Literaturzeischriften nicht zu Neuem verführen,
statt Altes nachzukauen? Verdammtnochmal! Eine Literaturzeitschrift ist
doch "das" Medium für Risiko und Entdeckung schlechthin
- das Partisanenblatt. Sie sollte den Verlagen lauter Köder vorwerfen,
daß sie sich darauf stürzen wie Hunde... Nicht so Akzente.
Der Inhalt dieser Zeitschrift ähnelt manchmal einer Totenliste. Ich
blättere zum Ende des Heftes... Werbung... Werbung... Na, jetzt ist
alles klar! Bei Carl Hanser Verlag (Michael Krüger Geschäftsführer),
dem Akzente (Michael Krüger Herausgeber) gehören, erscheint
André Bretons Biographie von Mark Polizzotti - Revolution des
Geistes. Hm, hm... Im Fernsehen, auf das Herr Krüger so gerne
schimpft, muß jeder kommerzielle Beitrag als "Werbesendung"
bezeichnet werden. Ist das Fernsehen dann nicht anständiger als eine
hochangesehene Literaturzeitschrift? Was solls! Sollen sie doch ihre Kopien
der verstaubten Blätter demnächst selber lesen. Ich kaufe die
Zeitschrift nicht mehr. Mir reichts!
Na, selbstverständlich bin ich auch persönlich beleidigt.
Bombardiere ich doch Herrn Krüger schon seit drei Jahren mit meinen
Geschichten. Wollte, daß ihm in die Bude ein bißchen frischer
Wind kommt. Keine Chance! Herr Krüger liest nicht nur meine Storys
nicht, anscheinend liest er auch meine Briefe nicht mehr. Könnt ihr
so was verstehen? Dabei gebe ich mir so viel Mühe mit einem Brief,
wie letztes Mal zum Beispiel:
Sehr geehrter Herr Krüger,
anbei eine diesmal surrealistische Geschichte von mir. Ich bin wirklich
gespannt, ob ich es irgendwann so weit bringe, in Akzente gedruckt
zu werden. Na, ja... Wie Sie sehen, probiere ich es halt immer wieder.
Einen Mangel an Ausdauer kann man mir sicher nicht nachsagen. So vergehen
die Jahre: Man verschickt diese Manuskripte, man schaut sich immer das
Datum des letzten Briefs an... - oh Gott, ist es schon wieder ein halbes
Jahr, seit ich Sie zum letzten Mal angeschrieben habe? Wahrhaftig! Ein
halbes Jahr nach dem anderen verliert sich in dem unästhetischen Schlund
der Geschichte, und man kommt selber in die Jahre dabei. Gottseidank altern
die Zeitschriftenherausgeber in dieser Monotonie genauso schnell wie man
selbst - der einzige Trost vielleicht bei dieser ansonsten sehr trostlosen
Angelegenheit. Trotz allem hoffe ich, Sie mit meiner Nostalgie nicht angesteckt
zu haben.
Würden Sie so freundlich sein und mir Ihre Entscheidung möglichst
bald mitteilen? (Ein Freiumschlag liegt bei.) Falls Sie Interesse haben,
kann ich Ihnen eine Diskette zukommen lassen. Das Manuskript brauchen Sie
mir nicht zurückzuschicken.
Ein gutes neues Jahr
Jaromir Konecny
Und nach ein paar Tagen kommt mein Manuskript zurück (obwohl ich
geschrieben habe, er brauche es mir nicht zurückzuschicken) mit der
Antwort:
Sehr geehrter Herr Konecny,
haben Sie vielen Dank für die Zusendung Ihrer Geschichte, die
ich auch diesmal zurückschicken muß, da ich keine Möglichkeit
für eine Veröffentlichung sehe.
Mit freundlichen Grüßen
Michael Krüger
Ha! Wer schreibt also bessere Briefe, ich oder der Schriftsteller Krüger?
Im Dezember 95 habe ich Michael Krüger auch persönlich erleben
dürfen. Bei seiner Laudatio an Keto von Waberer bei der Vergabe
des Ernst-Hoferichter-Preises. Die Veranstaltung leitete unser Bürgermeister
Ude ein - alle Achtung, der Mann kann reden, der Mann kann unterhalten,
ich liebe ihn, obwohl er Bürgermeister ist. Die Leute lachten... Wie
sollte ich diesen Mann nicht lieben?
Irgendwann kam dann die Reihe an Michael Krüger und mir wurde gleich
klar, warum die deutsche Literatur so langweilig ist. Wenn alle Mächtigen
im Literaturbetrieb eine solche Öde abgrasen wie Michael Krüger
bei seinem Vortrag, dann kann ich nur sagen: "Laßt alle Hoffnung
fahren!" Unglaublich! Diese Leute entscheiden darüber, was wir
lesen sollen. (Habt ihr schon den neuen Eco (Hanser Verlag) gelesen?...
Ha, ha, nur ein kleiner Witz, Freunde.) Als Krüger zum ich-weiß-nicht-wievielten
Mal die Worthülse "der objektive Zufall" in unsere armen
Ohren drosch, wollte ich aufspringen mitten aus dem erlauchten Auditorium
und schreien: "Was ist es, der objektive Zufall, verdammtnochmal?"
Aber dann hätte ganz München gewußt, wie ungebildet ich
bin, und so habe ich mein Maul gehalten. Selbstverständlich vergaß
Krüger nicht, über die RTL-Kultur herzuziehen - als er Keto von
Waberers feine Aufarbeitung der Erotik lobte: "Mit Geschmack..."
Wie gehabt! Ich vermute, Krüger schmeißt alles Andere in einen
Topf zusammen: Die Liebesgrüße aus der Lederhose mit
Henry Millers Wendekreis des Krebses und Bukowski - Sex & Crime,
RTL-Kultur, Schund halt. Aber Herr Krüger: Auch Ficken kann eine sehr
subtile Angelegenheit werden! (Ja, ja, jetzt ist es raus, jetzt hab ich
mich in Rage geschrieben, da wird sich Friederike wieder freuen.)
Genug Gejammer! Zu ihm habe ich keinen Grund. In
Deutschland gibt es doch Maxim Biller mit seinen herrlichen Essays.
Wenn ihr euch über die deutsche Kulturszene bestens unterhalten wollt,
lest seine Polemikensammlung Die Tempojahre (dtv, DM 16,80) - ein
Genuß! Da haben wir ihn, den Literatprovokateur! (Hoffentlich. Seit
zwei Jahren habe ich von Biller nichts mehr gehört.) Bin mächtig
stolz, daß Biller in Prag geboren ist - genau wie ich. Und es gibt
auch Franz Dobler mit seinen Geschichten und Essays, in denen er ein klares
Wort über die deutsche Literatur sagt (lesenswert das Interview mit
ihm und Thomas Palzer in Rolling Stone Nr. 5, Mai 1996 - das Heft
mit der wunderhübschen Alanis Morissette auf der Titelseite.)
Und es gibt immer wieder Bücher,
gute Bücher, die es ganz nach oben schaffen. Zum Beispiel Lydia
Mischkulnigs Halbes Leben (Literaturverlag Droschl, DM 30.)
Ja, ja, ich weiß, Lydia ist Österreicherin, aber... wir sind
doch alle eine glückliche Literaturlandschaft mit den Umlauten - hier
in Mitteleuropa. (Bis auf die Tschechen selbstverständlich.) Lydias
Roman: Ein Bestattungsunternehmer verliert nach einem Autounfall sein Bein.
Nachdem er aus dem Krankenhaus entlassen ist, muß er noch eine letzte
Leichenüberführung machen: "Die Tote, die der Einbeinige
überführen soll, ist jung und sehr schlank, sie hat eine gute
Figur. ... Die Tote trägt eine Unterhose. Schwarz, eng, die Finger
schlängeln sich unter den Slip. Die Schamhaare sind rauh, die Schamlippen
liegen eng beeinander. Die Schleimhäute sind trocken. Die Scheide
schließt sich kühl und hart um den Finger. Im Inneren ist es
eiskalt, die Tote liegt züchtig da, er legt ihre Beine zusammen, läßt
den Finger drinnen, die Tote wird steif in wenigen Stunden. Er ist nicht
erregt. Er ist nur neugierig. Er hätte Lust aus Neugier, die Leiche
mit dem Stumpf zu ficken. Er würde dabei an die aufgestellten Brustwarzen
seiner geschiedenen Frau denken; kleine, harte schrumpelige Stümpfe."
Wunderbar makabres Zeug, Leute! Wie sich Lydia über das "Normale"
hinwegspottet. Am Schluß des Buches bestattet der Einbeinige seine
eigene Ferse in der Kapuzinergruft, dem Kaisergrab der Österreicher,
hinter dem Sarg des letzten Kaisers. Und so befreit er sich von dem Tod.
Unbedingt lesen!
Man findet also immer wieder deutschsprachige Bücher, die sich
nicht nur mit dem Ende des Romans beschäftigen wie zum Beispiel Michael
Krüger, sondern mit dem Ende des Lebens oder mit seinem Anfang oder
mit seinem Verlauf. Halt mit allem, was die Leser mehr interessiert als
meine oder deine oder Michael Krügers innige Beziehung zur Literatur.
Solche Lebensschriftsteller wird es immer geben, auch in Deutschland, das
kann kein Verleger, kein Lektor, kein Zeitschriftenherausgeber verhindern.
Sollen doch all die Lebens- und somit Geschichtenfeinde weiter in ihrer
Niemandsbucht vor sich hin trocknen, und von mir aus das ganze Leben und
nicht nur ein Jahr. Soll Christian Döring (Suhrkamp-Lektor) weitere
Bände von Deutsche Gegenwartsliteratur - Wider ihre Verächter
herausgeben und uns als Literaturverächter bezeichnen, die wir etwas
mehr Lust in den Büchern finden wollen. Soll er ruhig jeden Tag gegen
die Forderung der Buch-Verkäuflichkeit wettern (als ein Verlagslektor
- daß ich nicht lache). Soll er auch weiter seinen Handke zitieren.
(Doch warum Handke die Kollegen Schriftsteller, die für den Leser
schreiben, als "Lesefutterknechte" bezeichnet, ist wohl jedem
klar.) Es bringt ihm nichts! Vergeblich eure Mühe, ihr Propheten der
Ernsthaftigkeit, ihr Fundamentalisten eurer feinen Literatur! Es wird immer
lachende Menschen geben. Und es wird auch Menschen geben, die gegen einen
guten Fick nichts haben. Und zuletzt wird es immer Menschen geben, die
wissen wollen, wie es den anderen beim Ficken ergeht,.. obwohl es plakativ
ist. Jetzt ist mir plötzlich eingefallen, warum eigentlich diese ganzen
Verteidiger der "ernsten Literatur" das Ficken so hassen: Weil
es Spaß macht. Ist doch wahr!
In diesem Zusammenhang muß ich beichten, daß ich rasend
schnell durch meine Wechseljahre geschleust wurde: Bis unlängst hat
man mir immer vorgeworfen, meine Prosa sei pubertär, feuchte Träume
usw. Noch vor einem Monat hat mir ein Künstler so was an den Kopf
geschmissen. Doch gleich eine Woche später, als ich bei einer Lesung
sagte, ich werde dieses Jahr vierzig Jahre alt, bezeichnete ein anderer
Literat mein Lob der prallen Ärsche als "Altmännerphantasien".
Ein normaler Mann sei nie so geil wie mein Ich-Erzähler. Da habe ich
wirklich Panik gekriegt, dachte, ich bin krank. Oh, Gott! Die anderen spielen
schon lange ihre Glasperlenspiele, und mich machen noch mit Vierzig die
Frauen an. Gottseidank sagten mir viele Freunde, es gehe ihnen genauso
wie mir. Und dasselbe bestätigten mir viele Freundinnen. Sie alle
lieben tatsächlich das Bumsen, und manche sogar noch mit Vierzig.
Also bin ich doch gesund. Das freut mich. ("Wie sieht es übrigens
in der Rente aus? Müssen wir da mit dem Ficken aufhören?"
"Nein, Mensch! Da dürfen wir doch unsere Altmännerphantasien
ausleben." "Uff... hab schon Schiß gehabt.")
Was bringt also die Zukunft für
die lustvollen Zeilen? Viel! Es gibt noch Literatur unter der Literatur!
Überall im Lande brodeln unter der müden Bühne des literarischen
Establishments ungeahnte Kräfte: In kleinen und wenig bekannten Literaturzeitschriften
veröffentlichen wilde Literaten ihre spanennden Storys und ihre
Hardcore-Gedichte. Wer sich etwas in der Szene auskennt, der merkt gleich,
es mangelt in Deutschland nicht an "frischen" Autoren, nicht
an lebendiger Schreibe, nein, das nicht! Es gibt hunderte von Leuten, die
den Rammbock tragen. Doch die Tore in die großen Verlage und etablierte
Zeitschriften sind zubetoniert, da bräuchte man eher ein Torpedo.
Für einen unangepaßten Schreiber sind diese Hürden undurchlässiger
als die Berliner Mauer. Aber auch sie konnte dem Ansturm nicht widerstehen.
Obwohl uns der Chefindianer hundert Jahre Standfestigkeit versprach, sind
auch aus der Mauer nur ein paar müde Steine für Touristen geblieben.
Was tut sich also da, vor der Burg? Auf dem Umschlag von Der Störer
(Herausgeber Jörg André Dahlmeyer aus Berlin) steht
als Untertitel Zeitschrift für Social-Beat-Literatur.
Was bedeutet das? Den Begriff Social Beat haben Dahlmeyer und Thomas
Noske (Herausgeber von Hokahe) 1993 ausgeknöbelt. Einer
der "Erfinder" des Begriffes kann euch am besten klarmachen,
was Social Beat ist:
"Ich kann versichern, daß 'die Beatniks' hierbei in keinster
Weise eine Rolle gespielt haben. Unsere Wurzeln liegen in der Musik, speziell
im frühen Punk. Das 'Social' bezieht sich nicht, wie medial mehrfach
fälschlich verbreitet, auf 'Sozialismus'. Social Beat bedeutet
Die Wut zum ÜberLeben, das tägliche ÜberLebensTraining,
die bewußte Sicht von Unten, den Alltag als Thema. Insofern dürfte
sich auch kaum jemand der SB-Leute dafür finden, in z.B. einer 'Slam'-Anthologie
von Herrn Marcel Hartges (Rowohlt) publizieren zu wollen..."
So weit Dahlmeyer San in seinem Offenen Brief an "Der Spiegel",
der auch im Störer Nr. 13 abgedruckt wurde. (Der Spiegel
hat mal einen dämlichen Artikel über Literatur von unten abgedruckt.)
Und das Wichtigste: "Als 'Popliterat' würde sich dort (im Social-Beat-Umkreis)
kein Schwein bezeichnen...", sagt Dahlmeyer weiter, und das freut
mich. Diesen Pop-o-kraten traue auch ich nicht über den Weg. Vor allem
wenn sie Black Sabbath als Pop bezeichnen. Black Sabbath
ist Hard-Rock, ihr Flaschen, das hat mit Pop gar nichts zu tun!... Entschuldigung,
Freunde, euch habe ich jetzt selbstverständlich nicht angepöbelt.
Zu dem Wort Social kam mir jetzt übrigens auch etwas in
den Sinn: Ist euch schon aufgefallen, daß das Bumsen die sozialste
Art der Kommunikation ist? Da kommen wir verdammt nahe zusammen. Nebenbei:
Wißt ihr überhaupt, wie die Liebesgrotte von Linda de Mol heißt?..
Nein, das sage ich euch nicht. Das würde mir Linda nie verzeihen...
Ich hab's bei der Club-Mad-Sendung aufgeschnappt (Radio Energy)... Na,
ratet mal selbst!
Jörg André Dahlmeyers Störer ist eine
der politisch engagiertesten Zeitungen im literarischen Underground. Zum
Beispiel schreibt im letzten Heft (Nr. 13) Andreas Speit über den
Altlinken Peter Schütt, der jetzt bei der Neuen Rechte ist. Ach, du
Scheiße! Bin ich froh, schon seit vierzig Jahren den gleichen politischen
Charakter zu haben: "Ein äußerst unbeliebter, charakterloser
Lump mit Neigung zum Alkoholismus", wie mein Klassenlehrer in der
guten alten Tschechoslowakei in meine Kaderbeurteilung geschrieben hatte.
Danach mußte ich mich nicht mehr um meine Karriere kümmern,
und das Huschen zweischen den Ideologien blieb mir erspart. Ist es nicht
super, überhaupt keiner Ideologie anzuhängen? Andererseits kommt
den meisten Pendlern zwischen den Rändern nicht mal das Kotzen von
dem Schwindel. Denen geht's doch auch gut! Doch ich liebe vor allem die
immer PARTEILOSEN! Na, ja,... eine Partei möchte ich doch mal vielleicht
gründen: In der Art von Haeks Partei des milden Fortschritts im
Rahmen des Gesetzes. Macht ihr da mit, Freunde?
Selbstverständlich ist im Störer Nr. 13 auch Platz
für Literatur: Die neue Hannoveraner Schule wird vorgestellt, mittendrin
einer der Besten des deutschen Undergrounds - Kersten Flenter. Seine
Story Der Hundepelz - eine geniale Abrechnung mit der Stadt, vie
schon so viele Geschichten, die ich von Flenter in diversen Underground-Zeischriften
gelesen habe: Das Leid und die Wut in Reinform! Dabei bemüht sich
Flenter gar nicht, irgendwelche großartigen Themen anzuschneiden:
Den Krieg, die Wiedervereinigung, die deutsche Vergangenheit, das deutsche
Sosein, das eigene Weltbild... nach dem Motto: Ich und die Welt. Nein!
Flenter unterscheidet sich grundlegend von diesen hohlen Seminarliteraten,
die von Suhrkamp und ähnlichen Verlagen hochgezüchtet werden.
Er nimmt keine Themen auf, er nimmt die Menschen wahr - mich und dich und
die arme Frau, der man gerade ihren Hund gekillt hat. Er schreibt über
uns. Und damit zeigt er uns die Zerstörung in uns, unsere kaputten
Städte. Was mir aber bei Flenter am meisten gefällt: Der Mann
hat Humor! Wenn er zum Beispiel in Der Hundepelz schreibt:
"Eigentlich hatte ich, als er (der Hund) auf mich zugerast kam,
den Standardspruch der Hundebesitzer erwartet, die aus hundert Meter Entfernung
stets das Gleiche rufen. Aber dieses Frauchen hier war originell:
- Der tut was! rief sie."
Flenter kennt seine Stadt: "Wenn du nicht mehr weißt, wo
es in der Stadt lang geht, orientierst du dich einfach an den Satellitenschüsseln,
die sind immer nach Süden ausgerichtet. Auf die Sterne können
wir getrost verzichten." Sagt mir, Freunde! Könnte einer von
unseren Schmalspurliteraten so was schreiben?.. Mit dem literarisch-ästhetischen
Erbe auf dem Buckel? Storys von Kersten Flenter sind bei Isabel-Rox-Verlag
erschienen (Zappen im Kaltland-TV, zu bestellen über den Ariel
Verlag).
Der Störer Nr. 13 wird durch eine Geschichte von Jürgen
Ploog eingeleitet. Obwohl der alte Beatnik Ploog schon fast eine Legende
ist im literarischen Underground, hat mich sein Text nur mäßig
angesprochen. Vor allem wenn er Metapher nicht scheut wie: "Er erschaudert,
wie von einer nuklearen Welle getroffen." (Ach, du meine Güte,
macht der Kerl immer noch cut-ups?)
Enno Stahls Meinung im Heft, "Social Beat ist zu konventionell",
würde ich zustimmen. Ist das Konventionelle aber von Nachteil?
Ihr wißt schon, auch ich bin kein besonders origeneller Mensch und
außerdem ein Avantgarde-Hasser wie Philippe Djian. Deswegen kann
ich auch nicht viel mit Ennos origineller Schreibe anfangen. Zum Beispiel
finde ich "1 wenig" nur mäßig origineller als "ein
wenig". Aber wie gesagt, ich Banause bin für die Avantgarde
und experimentelle Literatur sowieso verloren. Mit der Avantgarde kommt
es mir vor wie mit einem witzigen Spruch auf dem Anrufbeantworter: Wenn
du ihn zum hunderten Mal hörst, möchtest du dem originellen Freund
schon mal in den Arsch treten. Und das macht deinen Ärger, daß
er nicht zu Hause ist, auch nicht viel kleiner... Oh, wie schlau von mir:
Jetzt habe ich doch die Kurve gekratzt zu den Anrufbeantwortern: Mein Freund
Vandy aus Prag sagt: "Früher habe ich beim Anrufen immer erfahren,
daß du nicht zu Hause bist. Jetzt erfahre ich's genauso, nur kostet's
mich eine Krone." Da ist etwas Wahres dran, Freunde. Sollten wir diese
Anrufbeantworter nicht wieder abschaffen? Eine kleine Unterschriftaktion
an den Postminister?... Nein? Okay, vergeßt es, ich nehme alles zurück.
Ein weiteres Glanzstück des Störer Nr. 13 - ein Essay
von Franz Dobler über Social Beat. (Nachdruck einer Sendung
vom SWF, Okt. 95.) Dobler verhehlt nicht seine Sympathien für die
Social-Beat-Bewegung: "Klingt doch ganz spannend - und das
ist es auch." Dobler sieht aber auch die Gefahren: "Was ich hier
positiv sehe, weist aber auch schon auf die Klippe hin - hinter der die
kunstlose Sprache zur naiven wird, die Alltagsbeschreibung zur langweilligen,
die Dichterarbeit zum Freizeitvertrieb, und der politische Protest zum
Geschrei, an dem nichts als ein Bier zuviel schuld ist. Ja, ich hebe nachdenklich
den Zeigefinger und verweise auf ein Interview mit Charles Plymell, wo
er sagt, daß Kuhscheisse an den Stiefeln nicht unbedingt besser ist
als ein Harward-Studium, wenn es um das Schreiben guter Literatur geht.
Und dieser Plymell hatte mehr Kuhscheiße an den Stiefeln als alle
amerikanischen Beat-Autoren zusammen." Hier kann ich mich Franz Dobler
nur anschließen. Andererseits verfolge ich die hiesige Literaturszene
intensiv seit über drei Jahren und muß zugeben, daß viele
der Underground-Schreiber sich rasant entwickelt haben - was das Literarische
und den Stil angeht. Und wo man noch vor drei Jahren schrie: Bukowski-Apologeten!
hält man heutzutage sein dummes Maul. Manch ein Text von Tuberkel
Knuppertz zum Beispiel würde auch dem Altmeister Hank die Schamröte
ins Gesicht treiben.
Dobler schneidet auch die wichtigste Folge des Booms der alternativen
Literaturszene an: "Was heißt, daß die marktwirtschafliche
Kontrollfunktion durch 'richtige' Verlage außer Kraft gesetzt ist.
Und genau das soll es auch heißen." Genau! Und jetzt meine Bitte
an euch alle: Unterstützen wir doch diese großartige Szene,
die sich hier unabhängig von den Propheten der Langweile entwickelt.
Wenn jeder von uns drei, vier der Szenezeitschriften aboniert, würde
die Sache wie geschmiert laufen. Viele der Zeitungen kommen sowieso nur
einmal pro halbes Jahr heraus und kosten weniger als zwei Kugeln Eis bei
Marché. Außerdem nimmst du beim Lesen nicht zu und tust etwas
Gutes. (Na, ja, ich kenne schon Leute, die eine Kiste Pralinen brauchen,
um sich durch eine Seite durchzukämpfen.)
Und noch eine Zeitschrift müßt ihr unbedingt kennenlernen:
Auf Oliver Bopps Cocksucker, meinem Lieblingsmedieum, steht
der Untertitel: Zeitung für Undergroundliteratur. Und
Cocksucker ist tatsächlich reiner Underground Bukowskischer
Prägung - Vorsicht KULT! Ich habe die Nr. 7 (September, 1993) noch
bei Biby Wintjes bestellt, quasi zum Reinschnuppern, und habe mich in die
Zeitung gleich verknallt - eine platonische Liebe selbstverständlich.
Doch drin fand ich das pralle Leben! Abooooo! Seitdem flattert mir jede
drei, und jetzt jede vier Monate die Zeitung mit dem Glanzcover ins Haus.
Unvergeßlich Ollis Intros. Wie er zum Beispiel im Heft 9 mit
der selbstgerechten Linken abrechnete (LINKS! Zwo, drei, vier...): "Gestehen
wir uns ein, daß die Welt sich für ein System entschieden hat,
welches den Menschen charakterisiert. Setzen wir also zunächst am
Menschen an und nicht am System." Macht sie nicht Freude, diese klare
Sprache? Ein so großartiger Gedanke und einfach gesagt. Das Intro
endete mit: "Was den Sexismus angeht, so werde ich meine Nächte
auch in Zukunft nicht mit überflüssigen Diskussionen über
das Wenn und Aber verplempern, sondern bumsen, was das Zeug hält.
Wenn ich am Morgen danach ein Schamhaar auf meiner Zunge finde, dann ist
mir das lieber als ein Barthaar - ein ganz langes." Als ich den
Text zu Ende las, dachte ich mir gleich, diesem Typen muß ich meine
Storys schicken. Was ich in diesem Zusammnehang interessant finde: Die
meisten Frauen stören sich überhaupt nicht daran, daß uns
diese wunderschönen Dinger so gut gefallen: Die Beine, die Brüste,
die wunderbaren runden Ärsche und vor allem die... na, ja, die lasse
ich jetzt aus - heute hab ich Friederike schon genug geärgert. Immer
stören sich vor allem irgendwelche Männer an unserem Sexismus.
Unlängst las ich in einer kleinen Schriftstellerrunde meine Geschichte
Sommertage. Nach der Lesung sagt Max Blaeulich, ein Redakteur von
Literatur und Kritik: "Das war die frauenfeindlichste Geschichte,
die ich je gehört habe." (Max hatte vorher in der Runde seinen
Text über irgendeine Knopffabrik gelesen, na, ja...) Ich erzählte
später diese Geschichte bei einem Poetry-Slam in München,
wo ich anschließend Sommertage noch mal zum besten gab.
Sabine Zaplin, eine Jurorin und Journalistin, sagte in ihrem Kritikbeitrag:
"Das war die charmanteste frauenfeindliche Geschichte, die ich je
gehört habe." Den Slam habe ich dann natürlich gewonnen.
Diese Begebenheit möchte ich irgendwannmal zu einer Story verheizen,
und so kann ich euch jetzt nicht verraten, daß ich damals in der
Literaten-Runde einen kleinen Kreislaufkolaps erlitt - nach einem unmäßigen
Kaffeekonsum (ca 25 Tassen). Selbstverständlich nahm der gute Max
an, ich sei wegen seiner Kritik umgekippt. So komme ich hier in Deutschland
zu meinem Schriftstellerruf. Seit meiner Begegnung mit Max druckt übrigens
Literatur und Kritik nichts mehr von mir: Meine Texte seien den
Redakteuren zu larmoyant. Aber jetzt zurück zu Cocksucker.
Über die gewissenhaften Männer, über diese Gerechten, die
gegen uns, Sexisten, kämpfen, könnte auch Olli Bopp Bände
füllen.
In Cocksucker Nr. 13 packte mich gleich Olli Bopps Intro Social
Beat? Wunderbar und... traurig. Olli schrieb: "In Frankfurt gab
es plötzlich Lesungen von Autoren, deren Namen in der Szene nie gefallen
haben. Unter der Social Beat Flagge versuchten sich da Autoren einer ganz
anderen Richtung (experimentell, dadaistisch) ein Stück vom Medienkuchen
abzuschneiden." Social Beat in Gefahr! Doch dort, wo die Satten
jammern, lebt Underground von Hoffnung. Seine Abrechnung beendete Olli
mit: "Wir haben uns gefunden und finden uns - suchen wir unsere Leser.
Viel Spaß mit alten und neuen Namen des wahren Social Beat."
Cocksucker Nr. 14 mit dem wunderbaren Umschlag. Auf den Photos
einige der neuen Wilden, der Social-Beat-Propheten: Jörg André
Dahlmayer, Robsie Richter, Oliver Bopp, Roland Adelmann (übrigens
alles Gute zu dem Schritt der Schritte, Roland!), Kersten Flenter, Caroline
Hartge, Jörg Götterwind, Hardy Krüger, Dagi Bernhard, Hermann
J. Borgerding, Thorsten Nesch, Ingo Lahr, Grobylin Marlowe und selbstverständlich
auch dabei - Hellmuth Karasek.
Vor mir liegt jetzt das vorläufig letzte Cocksucker-Heft,
Nr. 15. Statt eines Vorwortes begrüßt uns Olli mit einer Collage
aus Zeitungsschnippseln - manchmal reicht es wirklich, auf das Elend nur
mit dem Finger zu zeigen - Schlagzeilen: Sparmaßnahmen bei Sozialschwachen
kontra Diätenerhöhung bei Abgeordneten. Weiter im Heft schon
traditionell Hartmuths Kolumne (Hartmuth Malorny) mit seinem poetischen
Lob "blitzernder fröhlicher Kronkorken waagerecht gestapelter
Bierflaschen."
Auf Seite 5 nimmt Olli Bopp Abschied von Biby Wintjes. Wie sonst als
mit einer Story: Ollis erste Begegnung mit Biby. Und ich hatte dich nur
am Telefon erleben können, Biby, zum letzten Mal einen Tag bevor das
Arschloch Tod dich uns wegnahm.
Bah! Endlich kann ich wieder mal eine Geschichte von dem guten alten
Ruhrpott Rodney, Roland Adelmann, lesen: Als mein guter Ruf auf
dem Spiel stand. Man liest, man lacht, und man fragt sich, zum wievielten
Mal schon: Wieso schnappen sich die großen Verlage nicht diese Leute?
Ein Buch mit solchen Geschichten würde ich mir doch sofort kaufen!
Weiter im Cocksucker Nr. 15: Hartmuth Malorny schreibt über
Herbert Huncke, ein wie immer gutes Gedicht von Kersten Flenter und
eine feine Story von Grobilyn Marlowe. Aber das ist bei weitem nicht alles.
Doch ich muß Schluß machen, wie leid es mir auch tut. Da wird
Frank Duwald schon sowieso die Großzehen verdrehen, wenn er diese
Seiten sieht - so ein dickes Manuskript hat ihm noch keiner zukommen lassen.
Eine Frechheit! Heute habe ich von Frank mit der Post Ozzy Osbornes CD
A Diary of a Madman bekommen. Ja, ja - ein Geschenk von Freund zu
Freund. Sicher doch! Aber vielleicht auch ein subtiler Wink: "Hey,
Mann, hör jetzt auf mit dem Tippen und mach mal was Ordentliches."
Na, ja, so werde ich jetzt wohl die Harddisc runterdrehen und die Ozzy-CD
rotieren lassen. Zumindest bis die Nachbarn die Feuerwehr rufen.
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