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Literaturkritik im DialogÜber das Autorenkolloquium von Hermann Kinder an der Universität Konstanz
An einem Wochenende trafen sich im schweizerischen Bottighofen 14 Schreibende von der Universität, um über eigene Texte zu diskutieren, eine Veranstaltung unter der Leitung des Literaturwissenschaftlers und Autors Hermann Kinder. In den vergangenen Jahren fand dieses Kolloquium wöchentlich im Rahmen des normalen Semesterplanes statt. Um mehr Zeit für Diskussionen zu haben, um flexibler auf die Texte reagieren zu können, hatten die Teilnehmenden beschlossen, die Veranstaltung dieses Semester kompakt an einem Wochenende stattfinden zu lassen. Zwei Tage lang wurde vorgelesen, interpretiert und diskutiert, jeweils neun Stunden am Tag. Und dabei ging es nicht nur um die vorliegenden Texte, sondern auch um Probleme wie das nachlassende Interesses des Publikums an Literatur und um die Frage, ob und wie der Umgang mit Literatur auch unsere sozialen und kommunikativen Fähigkeiten beeinflußt: Ist der Konsument von Videoclips noch in der Lage Gespräche zu führen und Gesprächen zu folgen? Über Sinn und Zweck der Veranstaltung gibt uns Hermann Kinder Auskunft. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine solche Veranstaltung an der Universität anzubieten? Hermann Kinder: Ende der 70er Jahre zeichneten sich die Anfänge einer Schreibbewegung an den deutschen Universitäten ab. Fast alle Unis boten zu dieser Zeit, nicht selten später dann unter der Leitung von Ordinarien, solche Kurse an. Aus meiner Biografie kam das Bedürfnis dazu, meine schriftstellerische Tätigkeit und die Lehre an der Universität miteinander zu verbinden. Welches Ziel verfolgen Sie bei Ihrem Kurs? HK: Es gibt drei Hauptkonzepte des "Creative Writing", die alle drei nicht meine sind. Das erste ist das der "Meisterklasse". Ich halte es jedoch nicht für sinnvoll einen persönlichen Schreibstil als Richtschnur für andere Schreibende zu betrachten. Das zweite ist das der "germanistischen Übung": Durch Nachahmung von bestimmten Gattungen und Stilen soll auf diesem Umweg von der Praxis her die Theorie und das Verständnis für bestimmte Grundbegriffe geschult werden. Das dritte Konzept ist das, über Schreiben zu lernen, Selbsterfahrung zu thematisieren und zu reflektieren. Dafür fühle ich mich psychologisch nicht kompetent. Und was ist Ihr eigenes Konzept? HK: Das eine ist der Versuch, literarische Interessen aufzunehmen und zu betreuen, d.h. also das Interesse aus dem Studium etwas für das eigene Schreiben mitzunehmen. Dieses Interesse ist oft vor dem Studium, gerade bei Literaturwissenschaftlern da, aber es läuft im Studium oft ins Leere, da es an der Universität nicht aufgenommen wird. Das zweite ist der Versuch Literaturwissenschaft und Literaturbetrieb einander in der Praxis wieder näherzubringen. Die Universität ist durchaus einer der Orte, wo ein literarisch-ästhetischer, ein literaturkritischer Diskurs stattfinden kann. das hat auch Praxisrelevanz, denn die Berufe in denen Literaturwissenschaftler arbeiten werden, sei es an der Schule als Lehrer, im Lektorat von Verlagen oder als Literaturkritiker, all diese Berufe fordern eine Meinungsbildung über Texte, vor allem über Gegenwartsliteratur, eine kritische Stellungnahme heraus. Dies wird in der rein wissenschaftlichen Beschäftigung mit Literatur nicht genügend geübt. Sie veranstalten ja auch gelegentlich ein Kolloquium, in dem Neuerscheinungen diskutiert werden. Was ist da der Unterschied zum Autorenkolloquium? HK: Der Hauptunterschied ist der, daß man dem Schreibenden persönlich gegenübersitzt. Das hat Vor- und Nachteile. Der Nachteil kann sein, daß man sich nicht traut, den Text hart zu kritisieren, wenn er einem gar nicht gefällt, aus Rücksicht auf die Person. Das sehe ich aber nicht so stark, wir haben es geschafft in der Gruppe eine Diskussionsweise zu schaffen, die bei aller Kritik eines Textes dessen Autor oder Autorin ernst nimmt. Es überwiegen die Vorteile: Man muß sich besondere Mühe geben gegenüber der Gruppe und dem Autor eigene Interpretationen und Wertungen zu begründen. Die Diskussion in der Gruppe fordert dazu heraus für die eigene, subjektive Interpretation des Textes gute Gründe zu finden, diese Interpretation anderen zu vermitteln. Dies schafft die Wertungskompetenz, die ich vorhin erwähnt habe. In der Auseinandersetzung mit anderen wird man sich über die eigene Subjektivität dem Text gegenüber bewußter, man lernt an seinem Urteil zu zweifeln. Das ist etwas, das ich erst im Kolloquium gelernt habe. Im Wissenschaftsbetrieb lernt man trotz konkurrierender Interpretationen von anderen die eigene Sichtweise auf den Text als richtig zu betrachten. Das ist eine Ansicht, die sich in der dialogischen Auseinandersetzung verflüchtigt. Eine endgültige Einigung darüber, was ein "guter" oder "schlechter" Text ist, ist nicht zu erzielen. Was schreiben nun die Studierenden? HK: Zunächst fällt auf, was fehlt: Bis auf 2 Ausnahmen gab es in 15 Jahren kein Hörspiel, kein Drama. Es dominieren die klassischen Genres Prosa und Lyrik. Ausnahmen gibt es in neuerer Zeit mit einigen Teilnehmern, die experimentelle Texte vorlegen. Die Inhalte sind nicht erwartbar, die Verarbeitung von unmittelbarer Lebenswelt findet - vor allem bei den Anfangssemestern - genauso statt wie eine eher ästhetische Auseinandersetzung mit dem Medium Text. Subjektive, realistische und artifizielle Texte, all das kommt vor. Da gibt es Krimis, Selbstverständigungslyrik, sehr artifizielle und intellektuelle Diskurse über Subjektivität, komische Texte. Die Lyrik bewegt sich weitgehend im Bereich Expressionismus, Spätexpressionismus. Und wie geht es weiter? HK: Aus Gründen der Personalknappheit müssen in Zukunft Deputatsstunden vermehrt auf die Absicherung der Hauptbereiche gelegt werden. Da ist für das Autorenkolloquium nur noch einmal im Studienjahr Platz. Wir sind aber übereingekommen, das Kolloquium auf privater Basis weiterzuführen, es wird auch weiterhin im Veranstaltungsverzeichnis angekündigt. der Hauptgrund für dieses Vorgehen ist auch die studentische Unterstützung für dieses Projekt. Zum Beispiel haben die Studierenden die Veranstaltung, während ich beurlaubt war, in eigener Regie weitergeführt. In der Veranstaltung sind auch bei weitem nicht nur Literaturwissenschaftler, es finden sich einfach Literaturinteressierte zusammen: Physik, Biologie, Verwaltungswissenschaft, Jura, Psychologie, Soziologie, Philosophie, alle Fakultäten sind vertreten. Verschiedene Initiativen, wie die Konstanzer Literaturzeitschrift "Wandler" oder die avantgardistisch orientierte "gruppe wand" haben sich aus dem Kolloquium heraus entwickelt. Sie sind zwar vom Kolloquium unabhängig, aber ihre Impulse und Aktivitäten wirken natürlich zurück. Das Gespräch führte: Oliver Gassner
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